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Vom
Umland zur Groß-Berliner Stadtlandschaft
Am Ende
des 19. Jahrhunderts sprach man längst von Berlin und seinen Vororten,
bald auch von Groß-Berlin, wenn man den Bereich der Gemeinden rings um
die Hauptstadt meinte, die zwar politisch selbständig, aber wirtschaftlich
eng mit ihr verbunden waren.
Mit der raschen Ausdehnung der Mietskasernenviertel im Stadtinnern wuchs
Berlin das Bedürfnis nach gesundem Wohnen in ländlicher Umgebung: Der
,,Landhaus-Gedanke", der von England kam, verbreitete sich auch in
Berlin. 1865 erwarb der Hamburger Kaufmann Johann Carstenn die Rittergüter
Lichterfelde und Giesensdorf, parzellierte sie und begann mit der Bebauung,
die heute noch weite Teile Lichterfeldes prägt. Etwas später, in den letzten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, entstanden ähnliche Siedlungen:
das an Lichterfelde grenzende Künstler oder Komponistenviertel in Lankwitz,
die Landhaus- Kolonie Südende. Im Westen, auf dem Boden Charlottenburgs,
das sich bis zur Ringbahn mit Mietskasernen füllte, wuchsen um den Reichskanzlerplatz
und die Reichsstraße die Kolonie Westend und später, weiter südwestlich,
die Kolonie Heerstraße heran.
Als regelrechter ,,Millionärs-Vorort"
galt von Beginn an die Kolonie Grunewald. Errichtet wurde sie seit 1889
durch die Kurfürstendamm - Gesellschaft. Zwischen 1880 und 1886 war aus
dem einst kurfürstlichen Reit- und Fahrweg zum Jagdschloß Grunewald der
54 Meter breite Boulevard geworden. Zu beiden Seiten entstanden prächtige
Miets- und Geschäftshäuser. Bismarck und Kaiser Wilhelm 1. hatten das
Projekt, dessen Vorbild die Pariser Champs-Elysees waren, seit 1873 energisch
gefördert. Nun wurde die 3 1/2 Kilometer lange Prachtstraße mit Reitweg
zur Einkaufs- und Flanierpromenade, die den ,,Linden" im alten Berlin
Konkurrenz machte und in Charlottenburg mit der Zeit eine zweite Berliner
Weltstadt-,,City" entstehen ließ. Zugleich war der Kurfürstendamm
,,standesgemäße" Zufahrt zu den Grunewald-Villen einer neuen Elite
aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst.
Von ähnlicher Exklusivität war die Villenkolonie ,,Alsen" am Wannsee,
ein Projekt von Wilhelm Conrad, dem Chef einer der bedeutendsten Berliner
Banken, der Berliner Handelsgesellschaft. ,,Alsen", benannt nach
der dänischen Insel, lag nahe bei "Düppel", dem Rittergut des
Prinzen Friedrich Karl, unterdessen Oberbefehl 1864 im Krieg gegen Dänemark
die Düppeler Schanzen erobert worden waren. Auch auf dem Gelände dieses
Rittergutes baute man später, als die Wannseebahn fertiggestellt war,
weitere Villenkolonien. In den nächsten Jahrzehnten, vor und nach der
Jahrhundertwende, entstand so im Südwesten Berlins, von Grunewald, Dahlem
und Lichterfelde über Zehlendorf, Schlachtensee und Nikolassee bis hin
nach Wannsee und Potsdam eine ausge- dehnte Villenlandschaft, in der sich
vor allem die wachsenden Industriemetropole und Hauptstadt des Kaiserreichs
mittleren und oberen Schichten des Berliner Bürgertums ansiedelten. Außerhalb
solcher Villenkolonien entstand im Laufe der Jahrzehnte, meist um die
alten Domkerne herum, eine Mischung aus etwas weniger kompakten Mietskasernen,
mehrstöckigen ,,Vorortsmietvillen", Einzel- und Reihenhäusern. Neukölln
allerdings entwickelte sich, ebenso wie die direkt an Berlin grenzenden
Teile von Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg, zu einer eigenen
Mietskasernen-Großstadt.
Von
der Pferdedroschke zum Berliner Massenverkehr
Eisenbahn
und städtischer Nahverkehr
Solange die eigenen zwei Beine oder die vier
des Pferdes die wichtigsten ,,Antriebsmotoren der städtischen Personenbeförderung
waren, durften Arbeitsplatz und Wohnung nicht allzuweit voneinander entfernt
liegen. Das führte zur Zusammenballung der rasch wachsenden Bevölkerung
im engen Bereich der Stadtgrenzen und rings um die Industriebetriebe.
Die Fabriken ihrerseits mußten in der Nähe von Wasserwegen und Eisenbahnen
liegen. Während Handwerker und kleinere Industriefirmen mit Pferd und
Wagen für ihre Transporte auskommen mußten, erforderte die zunehmende
Industrialisierung Berlins auch ein leistungsfähiges Nahverkehrsnetz.
Die zahlreichen Eisenbahnlinien dienten lange nur dem Fernverkehr. Noch
um 1860 hielten die aus der Stadt kommenden Fernzüge erst wieder am Rande
des heutigen Berlin: etwa in Zehlendorf, Spandau, Köpenick, Bernau oder
Trebbin. 1864 bekam die Potsdamer Bahn in Steglitz dann eine Haltestelle.
Damit die Züge seit 1868 in Lichterfelde-Ost halten konnten, mußte der
Bauunternehmer Carstenn das dazu notwendige Bahnhofsgebäude auf eigene
Kosten errichten lassen. 1872 erhielt Lichterfelde - West eine Bahnstation.
Das Gebiet zwischen Zehlendorf, Schlachtensee und Wannsee wurde durch
die eigens für den Personenverkehr erbaute und 1874 eröffnete Wannseebahn
(von Kritikern als ,,Wahnsinnsbahn" beschimpft) erschlossen. Sie
zweigte in Zehlendorf von der Potsdamer Bahn ab. Erst die schnelle Eisenbahn-Verbindung
machte es für Berliner attraktiv, sich zehn bis zwanzig Kilometer vor
der Stadt ihr Haus zu bauen. Wo es solche Verkehrsverbindungen nicht gab,
stockte die Entwicklung, wie etwa in Westend. Hier hatte man sich für
die damaligen Verkehrsverhältnisse
zu weit vor die Stadt gewagt. Die von Berlin über Charlottenburg dorthin
fahrende Pferde - Straßenbahn war einfach zu langsam. Dabei war deren
Schienenweg schon ein Fortschritt an Komfort und Geschwindigkeit gegenüber
dem über das Straßenpflaster rumpelnden Pferde - Omnibus Im engeren Stadt-
und Vorort-Bereich waren seit 1865 die schnell zunehmenden Pferde- bahn-Linien
zwei Jahrzehnte lang das wichtigste Verkehrsmittel. Ende der achtziger
Jahre entstand dazu ein Dampf-Straßenbahnnetz für die südwestlichen Vororte.
Die Bedeutung der Eisenbahn für den Personen-Nahverkehr stieg mit der
Fertigstellung der Ringbahn. Sie diente zugleich der Verbindung der vielen
Berliner Fernbahnhöfe und dem Güterverkehr. 1871 wurde der östliche,1877
der westliche Teilring in Betrieb genommen. Der komplizierte Bau der Stadtbahn,
der von Charlottenburg auf gemauerten Viadukt-Bögen durch die Innenstadt
zum Schlesischen Bahnhof (dem heutigen Ost-Berliner ,,Hauptbahnhof")
führte, wurde 1882 fertig. Bis in die neunziger Jahre zog sich der Ausbau
der verschiedenen Vorort-Strecken im Verlaufe der Fernbahnen hin.Zum alltäglichen
Massenverkehrsmittel konnte die Eisenbahn allerdings erst werden, als
1891 ein billiger Vorort-Tarif eingeführt wurde.
Zwischen
Bolle und KaDeWe
Berlins
wirtschaftliche Entwicklung wäre ohne eine Erwähnung der Nahrungsmittelproduktion,
die angesichts einer Millionen- Bevölkerung ebenfalls industrielle Züge
bekam, und des Handels, der im Kaufhaus eine neue Dimension annahm, unzureichend
beschrieben. Die Brotfabrik Wittler und die Meierei Bolle schufen neue
Produktions- und Verkaufsformen. Die Schokoladen Marken ,,Sarotti"
und ,,Mauxion" wurden in Berlin groß. Firmen wie ,,Kaiser's Kaffeegeschäft"
eröffneten Filialketten. Kleinere Brauereien schlossen sich zusammen oder
wurden von großen geschluckt. Die größeren unterhielten Ausflugslokale.
Filialgeschäfte für Lebensmittel (Butter-Beck, Gebr. Manns), Kleidung
(Leineweber, Peek & Cloppenburg), Schuhe (Tack, Leiser, Salamander)
breiteten sich aus. Aus dem Manufaktur- und Modegeschäft der Brüder Wertheim
entstand nach einigen Erweiterungen und Filialgründungen schließlich das
berühmte Kaufhaus in der Leipziger Straße, der Haupt-Einkaufsstraße des
alten Berlin. Auch das Warenhaus Tietz wurde zum Einkaufspalast. Filialen
in anderen Stadtteilen folgten. 1907 öffnete an der Tauentzienstraße in
Charlottenburg das KaDeWe - ,,Kaufhaus des Westens".
Mit ihm begannen der Aufschwung des Bereichs um die 1891 bis 1895er- baute
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die Blüte des Kurfürstendamms als
Geschäftsgegend. Auch berühmte Namen aus der Gastronomie und dem Hotelgewerbe
(Kempinski, Wirtschaftswachstum und Probleme der Großstadt Aschinger,
Kaiserhof, Adlon) entstammen dieser Zeit zwischen der Reichsgründung und
dem Ersten Weltkrieg.
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