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Vom Umland zur Groß-Berliner Stadtlandschaft

Friedrichstraße um 1909Am Ende des 19. Jahrhunderts sprach man längst von Berlin und seinen Vororten, bald auch von Groß-Berlin, wenn man den Bereich der Gemeinden rings um die Hauptstadt meinte, die zwar politisch selbständig, aber wirtschaftlich eng mit ihr verbunden waren.
Mit der raschen Ausdehnung der Mietskasernenviertel im Stadtinnern wuchs Berlin das Bedürfnis nach gesundem Wohnen in ländlicher Umgebung: Der ,,Landhaus-Gedanke", der von England kam, verbreitete sich auch in Berlin. 1865 erwarb der Hamburger Kaufmann Johann Carstenn die Rittergüter Lichterfelde und Giesensdorf, parzellierte sie und begann mit der Bebauung, die heute noch weite Teile Lichterfeldes prägt. Etwas später, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, entstanden ähnliche Siedlungen:  das an Lichterfelde grenzende Künstler oder Komponistenviertel in Lankwitz, die Landhaus- Kolonie Südende. Im Westen, auf dem Boden Charlottenburgs, das sich bis zur Ringbahn mit Mietskasernen füllte, wuchsen um den Reichskanzlerplatz und die Reichsstraße die Kolonie Westend und später, weiter südwestlich, die Kolonie Heerstraße heran.

Als regelrechter ,,Millionärs-Vorort" galt von Beginn an die Kolonie Grunewald. Errichtet wurde sie seit 1889 durch die Kurfürstendamm - Gesellschaft. Zwischen 1880 und 1886 war aus dem einst kurfürstlichen Reit- und Fahrweg zum Jagdschloß Grunewald der 54 Meter breite Boulevard geworden. Zu beiden Seiten entstanden prächtige Miets- und Geschäftshäuser. Bismarck und Kaiser Wilhelm 1. hatten das Projekt, dessen Vorbild die Pariser Champs-Elysees waren, seit 1873 energisch gefördert. Nun wurde die 3 1/2 Kilometer lange Prachtstraße mit Reitweg zur Einkaufs- und Flanierpromenade, die den ,,Linden" im alten Berlin Konkurrenz machte und in Charlottenburg mit der Zeit eine zweite Berliner Weltstadt-,,City" entstehen ließ. Zugleich war der Kurfürstendamm ,,standesgemäße" Zufahrt zu den Grunewald-Villen einer neuen Elite aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst.
Von ähnlicher Exklusivität war die Villenkolonie ,,Alsen" am Wannsee, ein Projekt von Wilhelm Conrad, dem Chef einer der bedeutendsten Berliner Banken, der Berliner Handelsgesellschaft. ,,Alsen", benannt nach der dänischen Insel, lag nahe bei "Düppel", dem Rittergut des Prinzen Friedrich Karl, unterdessen Oberbefehl 1864 im Krieg gegen Dänemark die Düppeler Schanzen erobert worden waren. Auch auf dem Gelände dieses Rittergutes baute man später, als die Wannseebahn fertiggestellt war, weitere Villenkolonien. In den nächsten Jahrzehnten, vor und nach der Jahrhundertwende, entstand so im Südwesten Berlins, von Grunewald, Dahlem und Lichterfelde über Zehlendorf, Schlachtensee und Nikolassee bis hin nach Wannsee und Potsdam eine ausge- dehnte Villenlandschaft, in der sich vor allem die wachsenden Industriemetropole und Hauptstadt des Kaiserreichs mittleren und oberen Schichten des Berliner Bürgertums ansiedelten. Außerhalb solcher Villenkolonien entstand im Laufe der Jahrzehnte, meist um die alten Domkerne herum, eine Mischung aus etwas weniger kompakten Mietskasernen, mehrstöckigen ,,Vorortsmietvillen", Einzel- und Reihenhäusern. Neukölln allerdings entwickelte sich, ebenso wie die direkt an Berlin grenzenden Teile von Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg, zu einer eigenen Mietskasernen-Großstadt.

 

Von der Pferdedroschke zum Berliner Massenverkehr

PerdeomnibusEisenbahn und städtischer Nahverkehr
Solange die eigenen zwei Beine oder die vier des Pferdes die wichtigsten ,,Antriebsmotoren der städtischen Personenbeförderung waren, durften Arbeitsplatz und Wohnung nicht allzuweit voneinander entfernt liegen. Das führte zur Zusammenballung der rasch wachsenden Bevölkerung im engen Bereich der Stadtgrenzen und rings um die Industriebetriebe. Die Fabriken ihrerseits mußten in der Nähe von Wasserwegen und Eisenbahnen liegen. Während Handwerker und kleinere Industriefirmen mit Pferd und Wagen für ihre Transporte auskommen mußten, erforderte die zunehmende Industrialisierung Berlins auch ein leistungsfähiges Nahverkehrsnetz. Die zahlreichen Eisenbahnlinien dienten lange nur dem Fernverkehr. Noch um 1860 hielten die aus der Stadt kommenden Fernzüge erst wieder am Rande des heutigen Berlin: etwa in Zehlendorf, Spandau, Köpenick, Bernau oder Trebbin. 1864 bekam die Potsdamer Bahn in Steglitz dann eine Haltestelle. Damit die Züge seit 1868 in Lichterfelde-Ost halten konnten, mußte der Bauunternehmer Carstenn das dazu notwendige Bahnhofsgebäude auf eigene Kosten errichten lassen. 1872 erhielt Lichterfelde - West eine Bahnstation. Das Gebiet zwischen Zehlendorf, Schlachtensee und Wannsee wurde durch die eigens für den Personenverkehr erbaute und 1874 eröffnete Wannseebahn (von Kritikern als ,,Wahnsinnsbahn" beschimpft) erschlossen. Sie zweigte in Zehlendorf von der Potsdamer Bahn ab. Erst die schnelle Eisenbahn-Verbindung machte es für Berliner attraktiv, sich zehn bis zwanzig Kilometer vor der Stadt ihr Haus zu bauen. Wo es solche Verkehrsverbindungen nicht gab, stockte die Entwicklung, wie etwa in Westend. Hier hatte man sich für die damaligen Wannseebahn (Heute S-Bahn  Linie1)Verkehrsverhältnisse zu weit vor die Stadt gewagt. Die von Berlin über Charlottenburg dorthin fahrende Pferde - Straßenbahn war einfach zu langsam. Dabei war deren Schienenweg schon ein Fortschritt an Komfort und Geschwindigkeit gegenüber dem über das Straßenpflaster rumpelnden Pferde - Omnibus Im engeren Stadt- und Vorort-Bereich waren seit 1865 die schnell zunehmenden Pferde- bahn-Linien zwei Jahrzehnte lang das wichtigste Verkehrsmittel. Ende der achtziger Jahre entstand dazu ein Dampf-Straßenbahnnetz für die südwestlichen Vororte. Die Bedeutung der Eisenbahn für den Personen-Nahverkehr stieg mit der Fertigstellung der Ringbahn. Sie diente zugleich der Verbindung der vielen Berliner Fernbahnhöfe und dem Güterverkehr. 1871 wurde der östliche,1877 der westliche Teilring in Betrieb genommen. Der komplizierte Bau der Stadtbahn, der von Charlottenburg auf gemauerten Viadukt-Bögen durch die Innenstadt zum Schlesischen Bahnhof (dem heutigen Ost-Berliner ,,Hauptbahnhof") führte, wurde 1882 fertig. Bis in die neunziger Jahre zog sich der Ausbau der verschiedenen Vorort-Strecken im Verlaufe der Fernbahnen hin.Zum alltäglichen Massenverkehrsmittel konnte die Eisenbahn allerdings erst werden, als 1891 ein billiger Vorort-Tarif eingeführt wurde.

 

Zwischen Bolle und KaDeWe

Kurfürsten Damm mit Gedächniskirche Berlins wirtschaftliche Entwicklung wäre ohne eine Erwähnung der Nahrungsmittelproduktion, die angesichts einer Millionen- Bevölkerung ebenfalls industrielle Züge bekam, und des Handels, der im Kaufhaus eine neue Dimension annahm, unzureichend beschrieben. Die Brotfabrik Wittler und die Meierei Bolle schufen neue Produktions- und Verkaufsformen. Die Schokoladen Marken ,,Sarotti" und ,,Mauxion" wurden in Berlin groß. Firmen wie ,,Kaiser's Kaffeegeschäft" eröffneten Filialketten. Kleinere Brauereien schlossen sich zusammen oder wurden von großen geschluckt. Die größeren unterhielten Ausflugslokale. Filialgeschäfte für Lebensmittel (Butter-Beck, Gebr. Manns), Kleidung (Leineweber, Peek & Cloppenburg), Schuhe (Tack, Leiser, Salamander) breiteten sich aus. Aus dem Manufaktur- und Modegeschäft der Brüder Wertheim entstand nach einigen Erweiterungen und Filialgründungen schließlich das berühmte Kaufhaus in der Leipziger Straße, der Haupt-Einkaufsstraße des alten Berlin. Auch das Warenhaus Tietz wurde zum Einkaufspalast. Filialen in anderen Stadtteilen folgten. 1907 öffnete an der Tauentzienstraße in Charlottenburg das KaDeWe - ,,Kaufhaus des Westens".
Mit ihm begannen der Aufschwung des Bereichs um die 1891 bis 1895er- baute Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die Blüte des Kurfürstendamms als Geschäftsgegend. Auch berühmte Namen aus der Gastronomie und dem Hotelgewerbe (Kempinski, Wirtschaftswachstum und Probleme der Großstadt Aschinger, Kaiserhof, Adlon) entstammen dieser Zeit zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg.

 
Gedächniskirche vor dem 2. Weltkrieg Gedächniskirche heute
Damals
Heute

 

Größtes Wirtschaftszentrum des Reiches

Diesen industriellen Aufstieg Berlins dokumentierten auch die erfolgreichen Gewerbeausstellungen von 1879 in Moabit und 1896 im Treptower Park. Die Berufszählung von 1907 zeigte, daß Berlin das größte städtische Wirtschaftszentrum des Reiches bildete. In Berlin und der Provinz Brandenburg war über ein Achtel des deutschen Erwerbslebens konzentriert; hier lebten 1,7 Millionen Menschen, die in Industrie, Handel und Dienstleistungsberufen tätig waren. 13 Millionen waren es im übrigen Deutschland.

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