| Die Geschichte des Reichstags (Seite 1)
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1871 Reichsgründung Nach
dem Scheitern der National- versammlung in der Paulskirche von 1848/49
beginnt die Geschichte des geeinten deutschen Nationalstaates am 18. Januar
1871 mit der Kaiser-proklamation im Spiegelsaal zu Ver-sailles. Wenige
Wochen später, am 21. März 1871, tritt der neu gewählte
Reichstag in Berlin zusammen. Das
höchste deutsche Parlament muß allzulange mit einer provisorischen
Tagungsstätte, der umgebauten Königlich Preeißischen Porzellanmanufaktur
in der Leipziger Strasse vorliebnehmen.
Inzwischen hat sich im Kaiserreich eine Entwicklung vollzogen, die niemand so recht vorausgesehen hat. Nachdem sich das monarchische System besonders in der Regierungszeit Wilhelms II. den Erfordernissen der Zeit zu wenig anpaßt, vollzieht sich im Reich Schritt für Schritt unter der Decke der kaiserlichen Scheinrealität ein Demokratisierungsprozeß. Die stürmische industielle Entwicklung mit ihren wirtschafts- und sozialpolitischen Problemen setzt neue politische Maßstäbe, die sich auf den Charakter und den Arbeitsstil des Reichstages auswirken. Durch das Anwachsen der bürgerlichen Mittelpateien und beson-ders der Sozialdemokraten verwandelt sich der Reichstag immer mehr in ein modernes Arbeitsparlament. Der Typ des Berufspolitikers zieht herauf. Das hervorgebrachte Honoratiorenparlament tritt zurück.
1914 - 1918 Der erste Weltkrieg
Der Reichstag ist von der Führung und Kontrolle der auswärtigen Politik und der Militärpolitik ausgeschlossen. In der "Daily-Telgraph-Affäre" 1908 und in der "Zabern-Affäre" 1913 tritt die Entfremdung zwischen Krone und Volksvertretung zutage.
Im August 1914 muß Deutschland ohne wirkliche innere Bindung zwischen
Regierung und Parlament in die Machtprobe des ersten Weltkrieges eintreten.
In den unbarmherzigen Materialschlachten an der Kriegsfront und in den
Entbehrungen, die der Heimat auferlegt worden sind, erweißt sich
bald die innere Schwäche des Kaiserreiches.
9. November 1918 Ausrufung der Republik Am 9. November 1918 hat die mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches einhergehende revolutionäre Welle die Reichshauptstadt Berlin ergriffen. Die Lage ist unübersichtlich. Die politische Alternative jedoch schält sich klar heraus: Soll Deutschland eine sozialistische Rätediktatur werden, wi es die radikale Linke propagiert? Oder soll Deutschland eine parlamentarische Demokratie auf der Basis freier Wahlen werden?
Der
sozialdemokratische Führer Scheidemann wird nach seinem eigenen Bericht
zur Initiative gedrängt. Von einer Balkonbrüstung des Reichstagsgebäudes
aus spricht er zu den Massen, die sich zwischen den mächtigen Säulen
des Hauptportals und den Symbolen des Kaiserreiches - der Siegessäule
und dem Bismarck-Denkmal - drängen.
1918/19 Parlamentarische Demokratie oder Rätediktatur
Mit
Scheidemanns Auftritt ist die Grundsatzentscheidung über die künftige
Staatsform gefallen: Für die Republik. Ein Zurück zur Monarchie
ist nun nicht mehr möglich.
Am 19. Januar 1919 finden die Wahlen zur Nationalversammlung statt. Sie bringen den hinter der Republik stehenden Parteien Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten eine klare Mehrheit. Sie erringen 75% der abgegebenen Stimmen. Wegen der butigen Unruhen und im Interesse einer sachlichen parlamentarischen Arbeit wird die Nationalversammlung am 6. Februar 1919 im Weimarer Nationaltheater eröffnet. Sie wählt Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten. Kurz danach wird eine von der SPD, Demokraten und Zentrum getragene Regierung mit Philipp Scheidemann als Reichskanzler gebildet. Das ist der Beginn der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Die Nationalversammlung leistet gute Arbeit. Am 11. August 1919 unterschreibt Friedrich Ebert die Verfassungsurkunde. Diese Reichsverfassung begründet zum ersten Male in der deutschen Geschichte die parlamentarische Demokratie.
1922 Politischer Mord
Die Feinde der Republik gewinnen Oberwasser. Die innenpolitische Szene erfährt eine ungeahnte Verschärfung, als der Reichsaußenminister Walter Rathenau von Rechtsextremisten ermordet wird. Eine Serie von politischen Morden war vorausgegangen:
An den Spartakus-Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, dem bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, den Unabhängigen Sozialdemokraten Haase und Gareis, dem Zentrumsabgeordneten und ehemaligen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger.
1923 Das Kriesenjahr Der
Sturz Sreesemanns vollzieht sich im Deutschen Reichstag in einer offenen
Feldschlacht. -
Im Jahr 1923 gerät die Republik an den Rand des Abgrunds. Äußerer Druck und innere Zerrissenheit treffen zusammen: Die Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen; der deutsche passive Widerstand und der damit einhergehende Wirtschafts- und Währungsverfall; die separatis-tischen Bestrebungen im Rheinland und in der Pfalz; die umstürzlerische Opposition der Kommunisten und Nationalsozialisten. Die
Republik überlebt, nicht zuletzt durch die Einsicht der Parlaments-mehrheit,
die als ,,Große Koalition" in die deutsche Parlaments-Geschichte
eingegangen ist. Diese Koalition reicht von den Sozialdemokraten über
die Demokraten und Zentrum bis zur rechtsbürgerlichen Deutschen Volkspartei.
Der Kanzler dieser Koalition wiurd der Parteivorsitzende Dr. Gustav Stresemann.
Er und Friedrich Ebert sind die Architekten dieser Koalition. Sie Verstehen
dieses Bündnis als den von einer soliden Reichstagsmehrheit getragenen
Versuch der geschichtlichen Aussöhnung zwischen den Kräften
der Tradition und der Neuordnung. -
1925 Eine Niederlage für die Republik
Der frühe Tod des ersten Reichspräsidenten am 28. Februar 1925 ist für Deutschland tragisch. Der besonnenden Führung Friedrich Eberts verdankt die Republik ihre Behauptung während der krisenhaften Anfangsjahre. Sein Verdienst vor allem ist es, daß die Einheit des Reiches bewahrt wird. Dieser Mann hätte zu Lebzeiten den vielberufenen "Dank des Vaterlandes" verdient gehabt. Der
Kampf um seine Nachfolge ist hart. Im Entscheidenen Wahlgang unterliegt
der Mann der Republik, der Zentrumspolitiker Marx, dem kaiserlichen Feldmarschall
von Hindenburg. Theodor Heuss hat Friedrich Ebert mit diesen Worten ein unvergängliches Denkmal gesetzt: "Als Könige versagten, hat dieser Sohn des breiten Volkes sich höchst königlich bewährt."
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